1. Bis- oder Bevor nicht-Prozessskript (Mythos: Herakles)

Die Sage von Herakles

Herakles, im römischen Raum Herkules genannt, gehört zu den bekanntesten Gestalten der griechischen Mythologie. Sein Leben ist geprägt von übermenschlicher Stärke, heroischen Taten, aber auch tiefem Leid und dem Schicksal, immer wieder Aufgaben erfüllen zu müssen, bevor er endlich Anerkennung und Frieden findet.

Herkunft und Kindheit

Herakles wurde als Sohn des Göttervaters Zeus und der sterblichen Alkmene geboren. Zeus hatte Alkmene in Gestalt ihres Ehemannes Amphitryon verführt, sodass Herakles ein Halbgott war – von göttlicher und sterblicher Natur zugleich. Hera, die eifersüchtige Gattin des Zeus, hasste das Kind von Anfang an, weil es ein sichtbares Zeichen von Zeus’ Untreue war.

Schon in der Wiege zeigte sich seine Kraft: Hera schickte zwei Schlangen, um das Baby zu töten. Doch Herakles packte die Tiere mit seinen kleinen Händen und erwürgte sie. Das war der erste Hinweis darauf, dass er nicht wie andere Menschen war, sondern ein außergewöhnliches Schicksal vor sich hatte.

Frühe Taten und der verhängnisvolle Wahn

Herakles wuchs zu einem Mann von gewaltiger Stärke heran, aber auch von einem ungestümen Wesen. Er lernte Kampf, Musik, Wagenlenken und die Jagd. Schon in jungen Jahren erschlug er bei einem Streit seinen Lehrer – ein erstes Anzeichen seiner Unbeherrschtheit.

Er heiratete Megara, die Tochter des thebanischen Königs, und bekam mit ihr Kinder. Doch Hera ließ ihn in Raserei verfallen, und in diesem Wahn tötete er seine Frau und die Kinder. Als er wieder zu sich kam, erkannte er voller Entsetzen, was geschehen war. Von Schuld und Verzweiflung überwältigt, suchte er das Orakel von Delphi auf, um Sühne zu leisten.

Die Pythia befahl ihm, sich dem schwächlichen König Eurystheus von Mykene zu unterwerfen und ihm zu dienen. Eurystheus nutzte diese Gelegenheit, um Herakles Aufgaben aufzuerlegen, die so schwer waren, dass sie ihn eigentlich zugrunde richten sollten.

Die zwölf Arbeiten des Herakles

Ursprünglich wurden ihm nur zehn Arbeiten gestellt, doch da zwei von ihnen nicht anerkannt wurden, erhöhte sich die Zahl auf zwölf.

  1. Der nemeische Löwe
    Herakles sollte einen gewaltigen Löwen mit undurchdringlichem Fell töten. Er erwürgte das Tier mit bloßen Händen und trug fortan sein Fell als Rüstung.
  2. Die Hydra von Lerna
    Die Hydra war ein Ungeheuer mit neun Köpfen; schlug man einen ab, wuchsen zwei nach. Mit Hilfe seines Neffen Iolaos verbrannte Herakles die Wunden, sodass keine neuen Köpfe mehr wuchsen. Doch Eurystheus erkannte die Arbeit nicht an, da Herakles Hilfe gehabt hatte.
  3. Die Hirschkuh der Artemis
    Er musste ein heiliges Tier der Göttin einfangen – eine Hirschkuh mit goldenen Hörnern. Ein Jahr lang jagte er sie, bis er sie unverletzt zurückbringen konnte.
  4. Der erymanthische Eber
    Ein wilder Eber verwüstete das Land. Herakles trieb ihn in den Schnee und fesselte ihn, sodass er ihn lebendig nach Mykene brachte.
  5. Die Ställe des Augias
    Die Ställe des Königs Augias waren seit Jahrzehnten nicht gereinigt worden und stanken bestialisch. Herakles leitete zwei Flüsse um, die den Mist in einem einzigen Tag wegspülten. Eurystheus akzeptierte die Tat nicht, da Herakles dafür Lohn verlangt hatte.
  6. Die stymphalischen Vögel
    In einem Sumpf lebten Vögel mit metallischen Federn, die wie Pfeile schossen. Herakles verscheuchte sie mit einem Rasselinstrument und schoss viele mit Pfeilen nieder.
  7. Der Stier von Kreta
    Dieser gewaltige Stier verwüstete Kreta. Herakles fing ihn ein und brachte ihn lebendig nach Griechenland.
  8. Die Rosse des Diomedes
    Die Pferde des thrakischen Königs Diomedes fraßen Menschenfleisch. Herakles überwältigte Diomedes und warf ihn den eigenen Pferden zum Fraß vor. So wurden die Tiere zahm und konnten fortgeführt werden.
  9. Der Gürtel der Hippolyte
    Von der Amazonenkönigin Hippolyte sollte er ihren kostbaren Gürtel stehlen. Zunächst wollte sie ihn freiwillig übergeben, doch Hera stiftete Streit. Herakles erschlug Hippolyte und nahm den Gürtel mit.
  10. Die Rinder des Geryon
    Er musste die Rinder des dreiköpfigen Riesen Geryon von einer fernen Insel holen. Nach einem langen Kampf brachte er sie zurück.
  11. Die goldenen Äpfel der Hesperiden
    Diese Äpfel hingen in einem göttlichen Garten, bewacht von einer Schlange. Herakles bat den Titanen Atlas um Hilfe, der die Weltkugel trug. Während Herakles die Last übernahm, holte Atlas die Äpfel. Durch List konnte Herakles die Kugel zurückgeben und die Äpfel an sich nehmen.
  12. Kerberos aus der Unterwelt
    Als letzte Aufgabe musste er den Höllenhund Kerberos aus der Unterwelt holen. Mit bloßen Händen rang er das Ungeheuer nieder, führte es Eurystheus vor und brachte es dann zurück.

Nach diesen zwölf Arbeiten hatte Herakles das Unmögliche vollbracht.

Weitere Abenteuer

Doch auch nach den Arbeiten fand Herakles keine Ruhe. Hera verfolgte ihn weiter. Er nahm an Kriegen teil, begleitete die Argonauten und erlebte unzählige Abenteuer. Stets musste er aufs Neue kämpfen, töten, erobern und ertragen.

Eine tragische Episode ist seine Ehe mit Deïaneira. Als sie fürchtete, Herakles könne ihr untreu sein, gab sie ihm ein Kleid, das mit dem Blut des Zentauren Nessos getränkt war. Sie glaubte, es sei ein Liebeszauber – doch das Blut war Gift. Das Kleid verbrannte Herakles’ Haut, und er litt unerträgliche Qualen.

Der Tod und die Vergöttlichung

Schließlich errichtete Herakles selbst einen Scheiterhaufen, um seinem Leid ein Ende zu setzen. Als die Flammen ihn ergriffen, erbarmten sich die Götter. Zeus nahm seinen Sohn in den Olymp auf und verlieh ihm Unsterblichkeit. Herakles erhielt Hera zur Versöhnung als göttliche Mutter und durfte an der Seite der Götter weiterleben.


Bedeutung der Sage

Die Sage von Herakles ist mehr als eine Abenteuergeschichte. Sie zeigt das Leben eines Menschen, dessen Existenz von Bedingungen geprägt ist:

  • Er darf nicht einfach leben, sondern muss immer erst eine Aufgabe erfüllen.
  • Seine Schuld und sein Wert werden nur „danach“ gemessen.
  • Hera als Symbol von Schuld und Strafe treibt ihn weiter.

Eric Berne griff dieses Muster auf, um das Prozessskript „Bis / Bevor nicht“ zu verdeutlichen. Herakles lebt nie im Augenblick, sondern immer auf ein Ziel hin, das in der Zukunft liegt. Erst wenn er alle Aufgaben erfüllt hat, darf er anerkannt sein.

So wurde Herakles zu einem Sinnbild für viele Menschen, die sich selbst das Glück versagen – „bis“ sie genug geleistet haben oder „bevor“ nicht eine bestimmte Bedingung erfüllt ist.

Herakles – Zusammenhang zum Prozessskript

Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse, benutzte die Herakles-Sage, um ein weit verbreitetes Lebensmuster zu beschreiben:

  • Kernbotschaft: „Du darfst erst glücklich sein, bis du etwas geleistet hast“ oder „Du darfst nicht frei sein, bevor nicht eine bestimmte Bedingung erfüllt ist.“
  • Menschen mit diesem Skriptmuster verschieben Zufriedenheit und Selbstwertgefühl ständig in die Zukunft.
  • Anerkennung und Lebensfreude sind an Bedingungen geknüpft: „erst, wenn …“.