a) Die Sage von Sisyphos – Zusammenfassung
Sisyphos war König von Korinth und galt als besonders listig und verschlagen.
- Er verriet Zeus, indem er dessen Geheimnisse preisgab.
- Er band Thanatos (den Tod) in Ketten, sodass niemand mehr sterben konnte.
- Er überlistete sogar Hades und kehrte aus der Unterwelt zurück, nachdem er die Götter getäuscht hatte.
Die Götter waren empört über diesen anmaßenden Sterblichen, der sich über die Ordnung hinwegsetzte. Als Strafe verdammten sie ihn zu einer ewigen, sinnlosen Arbeit:
Sisyphos musste einen schweren Felsbrocken einen Berg hinaufwälzen.
- Kurz bevor er den Gipfel erreichte, entglitt ihm der Stein und rollte wieder ins Tal.
- Sisyphos musste von Neuem beginnen.
- Dies wiederholte sich endlos, ohne Aussicht auf Erfolg oder Abschluss.
So wurde Sisyphos zum Bild für vergebliche Anstrengung und ewiges Scheitern im letzten Moment.
b) Verbindung zur Transaktionsanalyse – Das „Beinah“-Skript Typ 1
Eric Berne beschrieb neben den vier Haupt-Prozessskripten (Bevor, Bis, Nachdem, Immer) noch das „Beinah“-Skript oder auch Immer-wieder-Skript in verschiedenen Ausprägungen.
c) Grundidee des „Beinah“- bzw. Immer-wieder- Skripts
Das Leben wird so organisiert, dass man fast Erfolg hat, aber im entscheidenden Moment scheitert.
Es ist ein Skript der permanenten Frustration: man kommt immer „fast bis zum Ziel“, aber der letzte Schritt misslingt.
d) Sisyphos als Archetyp des „Beinah“- bzw. Immer-wieder-Skripts (Typ 1)
- Der Stein ist fast oben – doch dann rollt er zurück.
- Erfolg ist immer zum Greifen nahe, aber nie erreichbar.
- Jede Anstrengung führt nicht zu einem Abschluss, sondern zur Wiederholung des Scheiterns.
Damit verkörpert Sisyphos das „Beinah 1“-Skript:
- Fast geschafft – aber doch nicht.
- Scheitern kurz vor dem Ziel wird zur ewigen Wiederholung.
e) Alltagsbeispiele für das „Beinah“-Skript Typ 1
- Eine Person besteht alle schriftlichen Prüfungen, scheitert aber immer wieder an der letzten mündlichen.
- Jemand kommt in einer Karriere bis zur Ebene unterhalb der Führungsspitze, aber nie darüber hinaus.
- In Beziehungen: Partnerschaften beginnen vielversprechend, aber kurz bevor es verbindlich wird, zerbrechen sie.
- Im Alltag: Menschen „kurz vor dem Ziel“ geben auf, sabotieren sich selbst oder es tritt eine „zufällige“ Störung ein.
f) Bedeutung in der Transaktionsanalyse
Die Sisyphos-Sage illustriert das Skriptmuster: Scheitern unmittelbar vor dem Ziel.
Therapeutisch/beraterisch geht es darum:
- den wiederkehrenden Kreislauf des „Fast geschafft – und doch gescheitert“ bewusst zu machen,
- die zugrunde liegenden Botschaften aus der Kindheit aufzudecken (z. B. „Mach’s nie ganz fertig“, „Erfolg ist gefährlich“),
- und alternative Entscheidungen zu ermöglichen: etwas darf abgeschlossen und erfolgreich beendet werden.
g) Abgrenzung zu anderen Prozessskripten
- Tantalus – Bevor-Nicht: Glück bleibt immer aufgeschoben, bevor etwas passiert.
- Herakles – Bis: Erst nach übermenschlicher Leistung gibt es Erfüllung.
- Damokles – Nachdem: Nach Erfolg folgt Bedrohung.
- Arachne – Immer: Nie ein Ende, nur Wiederholung.
- Sisyphos – Beinah Typ 1: Erfolg fast erreicht – aber im letzten Moment scheitert er.